Daueraktivierung statt Erholung: Was Reizüberflutung mit deinem Nervensystem macht
Bin ich im Gym beim Functional Training sehe ich: müde Gesichter.
Begleite ich die Schulklasse meiner Tochter beim Skitag, sehe ich auf der Piste: müde Jugendliche
Radle ich durch die Stadt, sehe ich: : müde Menschen.
Bestelle ich meinen Cappuccino an der Theke sehe ich: müde Baristas.
Wenn ich mich in der Welt umblicke, so nehme ich viele Menschen wahr, die funktionieren. Doch sie sind müde, erschöpft, manche von ihnen ein wenig leer. Sie alle arbeiten, versuchen klar zu kommen, hetzen sich durch den Alltag, müssen permanent Entscheidungen treffen.
Von außen wirkt alles irgendwie einigermaßen stabil.
Und gleichzeitig berichten genau diese Menschen von:
- innerer Unruhe
- nicht erholsamem Schlaf
- Kopfschmerzen
- Reizbarkeit
- Erschöpfung
- Konzentrationsschwankungen
- wiederkehrenden Infekten
Du fragst dich vielleicht in letzter Zeit häufiger:
"Warum bin ich ständig müde trotz Schlaf?"
Das wirkt auf den ersten Blick sehr widersprüchlich. Doch heute möchte ich einen anderen Blick darauf werfen.
Warum unser Gehirn nicht zwischen „wichtig“ und „unwichtig“ unterscheidet
Unser Gehirn arbeitet unter Bedingungen, die in dieser Form historisch neu sind. Wir erleben eine Zeit der intensivsten "Daten- und Verarbeitungsdichte" seit Geschichtsschreibung. Die Reizüberflutung ist vorprogrammiert. Unsere Gehirne unterscheiden nicht primär in wichtig oder unwichtig. Sie agieren wie ein Schwamm, der alles aufsaugt - die ganze Informationsschwemme auf ein Mal.
„Reizüberflutung ist kein Gefühl – sie ist ein Zustand chronischer neuronaler Aktivierung.“
Daueraktivierung: Wenn dein Nervensystem keinen Reset mehr findet
Und es bleibt nicht nur bei der Informationsdichte, es geht darüber hinaus. Es geht um die Art und Weise, wie wir heutzutage leben. So viele Impulse, so viele Signale - viele davon entgegen unseren natürlichen Zyklen und Rhythmen.
Was unser Nervensystem den ganzen Tag verarbeitet:
- permanente digitale Information
- künstliches Licht
- akustische Dauerreize
- soziale Vergleichsdynamik
- zersplitterte Aufmerksamkeit
Wie bereits erwähnt: Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen „wichtig“ und „unwichtig“. Das kann es nicht. Es verarbeitet auf Hochtouren.
Ganz so als wäre der Informationsfluss ein Specht, der die ganze Zeit ein Loch in den Baumstamm (=Gehirn) hämmert. Die Krux an der Sache ist: es entsteht kein Loch!
Die Folge davon ist, dass die Dopamin-Ausschüttung ansteigt, sich aber im gleichen Maße, die Dopamin-Speicher leeren. Die Aufmerksamkeitsspanne reduziert sich noch mehr und unsere Erholungsfenster verkürzen sich immer weiter.
Wir leben in einer Daueraktivierung. Das betrifft alle Bereiche: Körper, Gehirn, Geist, Nervensystem.
Funktionieren ist nicht gleich Regulation
"Die Fähigkeit zur Regulation des Nervensystems ist das eigentliche Zeichen von Gehirngesundheit."
Ich nehme mal an, du hast dich für das Leben in dieser Welt entschieden, richtig? Daher geht es jetzt um Lösungen und die Frage: Wie kann ich gut und ausgeglichen leben auch wenn ich so vielen Außenreizen ausgeliefert bin?
Kleiner Tipp: Am Ende des Blogartikels findest du ein paar essentielle Tipps für den Alltag.
Und ich würde dir gerne gleich noch eine Frage stellen: Wie oft denkst du jeden Tag - "Wow, mir geht es gut, ich fühle mich total leicht und zufrieden"?
Und wie oft denkst du eher: "Keine Ahnung, wie ich diesen Tag überstehen soll, mir ist heute alles zu viel, außerdem tut mir der Nacken weh und ich habe Kopfschmerzen"?
„Erschöpfung ist oft kein Energiemangel – sondern ein Regulationsproblem.“
So fühlt sich ein reguliertes Nervensystem an
Ein reguliertes Nervensystem "schwebt". Es sendet an alle Körperbereiche Wohlgefühl, Gleichmäßigkeit, Sicherheit und Ruhe aus.
Du beobachtest in dir:
- innere Stabilität
- flexible Aufmerksamkeit
- tiefe Erholung
- ruhigen Grundtonus
Und das oft mit einem Lächeln auf den Lippen. Du schaust aus dem Fenster, siehst den grauen Himmel und denkst: "Super, Morgen scheint die Sonne wieder!"
Ein dysbalanciertes Nervensystem verursacht negative Gedankenschleifen, Spannungen und bisweilen körperliche Schmerzen.
Jetzt stelle ich dir die Frage: bemerkst du es, wenn du angespannt bist?
Fällt es dir tagsüber auf?
Oder merkst du abends einfach nur, dass du müde und erschöpft bist und fällst angestrengt in dein Bett?
Körperliche Anzeichen für ein überlastetes Nervensystem
So zeigt sich ein angespanntes Nervensystem körperlich:
- Zusammenziehen im Magenbereich (Solarplexus)
- Griff in den Nacken
- Schulterblätter zieht sich zusammen (Gefühl: Ich will mich wegducken)
- Spannung im Beckenboden (verkrampfter Po)
Das, was da geschieht ist menschlich und pure Biologie.
Kleine Signale richtig lesen – bevor dein Körper lauter wird
Gehirn, Körper und Nervensystem arbeiten zusammen. Sie kommunizieren permanent miteinander.
Die Anspannung des Nervensystems hat ganz großen Einfluss auf deine Gesundheit. Wenn dieses über einen längeren Zeitraum immer wieder aktiviert wird oder im Anspannungszustand verharrt, kann es das Einfallstor sein für:
- Entzündungsprozesse
- geschwächtes Immunsystem
- Blutzuckerdysregulation
- Schlafstörungen
- Ungleichgewicht im Hormonhaushalt
- Depression und Burnout
Das bedeutet, scheinbar kleine Anzeichen, wie Kopfschmerzen, Gelenk- oder Rückenschmerzen, wiederkehrende Infekte oder wiederholt schlechter Schlaf oder Verdauungsprobleme sind kein Signal dafür, dass du einfach nur älter wirst - das geschieht natürlich auch - aber:
Sie sind kleine Vorboten, kleine Zeichen.
Sie sind bio-systemische Antworten.
Und diese gilt es zu hören, lesen, zu verstehen und darauf einzugehen.
3 konkrete Schritte für mehr Regulation im Alltag
Doch bevor wir zum Ende kommen, bekommst du von mir noch 3 kleine Tipps, wie du für mehr Wachheit, Lebendigkeit und Weichheit im Nerven-/Körpersystem sorgen kannst. Ganz praktisch und dein Fühlen aktivierend.
1. Allgemein:
- Stelle dein Handy auf lautlos. Mach die Benachrichtigungen aller Apps aus. Wenn du magst, lade dir einen App-Blocker runter und stelle die Auszeiten für dich ein.
2. Bei der Arbeit:
- Prüfe und fühle, wie du auf deinem Bürostuhl sitzt. Schließe die Augen, atme und nimm deine Haltung wahr. Halte ganz kurz inne. Wenn du merkst, du bist angespannt: verändere die Position, steh kurz auf, bewege dich, mach mehr Pausen
3. Nach der Arbeit:
- Lege dich auf den Boden oder eine Yogamatte. Schließe die Augen und atme. Nimm deinen Geist wahr. Ist es ruhig oder aufgewühlt? Warte einfach ab und bleibe hier für 3 bis 5 Minuten.
Selbstverantwortung statt Dauerüberforderung
Es wird immer wieder Tage geben, an denen dein System überreizt ist und das ist ok. Wir sind lebende Wesen und gehen als diese durch die Welt.
Doch ich will, dass du die Wahl hast und dich entscheidest zwischen:
1. Gebe ich mich willenlos dem "information overload" hin und lasse zu, dass mein System bombardiert wird?
ODER
2. Übernehme ich Verantwortung und wähle selbstermächtigt aus, wie ich durch diese Welt gehen will und wie ich leben will?
Das alles beginnt bei dir - niemand kann dir die "Selbstverantwortung" abnehmen, aber wir können es alle gemeinsam tun. Du bestimmst du Bedingungen und du erschaffst mit jeder neuen Entscheidung dein Umfeld.
Am leichtesten ist es, wenn du jetzt damit beginnst.
Heute ging es mir darum, dass wir gemeinsam den Grundsein dafür setzen, damit du das System Körper besser verstehen lernst.
Denn es beginnt bei deiner Wahrnehmung.
Beobachte dich in dieser Woche ganz einfach. Beobachte, wie du agierst, reagierst, dich in verschiedenen Situationen fühlst. beobachte, was dein Körper einfach macht, obwohl du es gerne anders hättest.
Ich verspreche dir hoch und heilig: Das ist ein absolut lohnenswertes Experiment!